Vernissage "NEU GIER" Anatol Herzfeld, 2007
ART Galerie Scheel / Morsum

(Bilder | MATINEE)

Anatol ist Insulaner, er gehört seit vielen Jahren zum festen Repertoire eines jeden Sylter Sommers. Und er arbeitet auf der Insel Hombroich bei Düsseldorf.

Dort lebt er in einer Athmosphäre des "Crossover" der Zeiten und Kulturen, von Natur, Technik und Kunst, von Malerei, Architektur, Design, Skulptur und Plastik, von Literatur, Musik & Wissenschaft. Anatol lebt und arbeitet dort in und mit einem "geistigen Biotop".

Er selbst ist Schmied, Polizist und Künstler. Bei ihm gibt es keine scharfe Trennung zwischen Kunst und Handwerk, so wie es bis zum Mittelalter gewesen war. Unser heutiger Begriff des Bildenden Künstlers hat sich erst im Laufe der Renaissance herausgebildet. Mit seiner Eigenschaft als sowohl Künstler wie auch Handwerker spricht er umfassend die Fähigkeit des Betrachters seiner Werke für sinnliches und geistiges Erleben an.

Auch stellt Anatol seine Bildwerke nicht für alle Zeiten in dem Zustand auf, in dem er sie fertiggestellt hat. Seine Arbeiten sollen sich verändern, sie sollen einer Wechselwirkung zwischen dem Artefakt und der Natur unterliegen. So lässt er Skulpturen einwachsen und auch der noch namenlose "Zeitungsmann" gehört in diese Kategorie: in wachsendem Maße von vielen verschiedenen Menschen beklebt, wird aus der eckigen eisernen Figur eine runderes und weiches papierenes Wesen werden. Irgendwann wird man auf dessen Oberfläche drücken und eine Delle erzeugen können.
In diesem Zusammenhang ist ebenso zu erwähnen, dass Anatols Arbeiten sich sehr oft auf renaturierten Militär- Industrie- oder Abbaulandschaften befinden, das gilt für Hombroich ebenso wie z. B. für Installationen in Viersen und die sog. "Wächter der Goitzsche" bei Bitterfeld.

Kunst bedeutet für Anatol nach dessen eigenen Angaben "Lust, Freude, Neugier". Kunst in seinem Verständnis soll Antworten auf das Leben finden. Seine Erfüllung als Künstler sieht Anatol darin, Menschen sehen lehren und Neugier wecken. Beides ist in unserer Epoche dringend notwendig!
Kunst, sagt Anatol außerdem, macht das Leben bewusster. Die Beschäftigung mit der Kunst bereichert den Menschen, sie fordert seine Mitarbeit und seine Konzentration. Kunst verändert Menschen, Betrachter wie Künstler.

"Lust, Freude und Neugier" sind es nicht allein, die Anatol antreiben. Ein anderes Zitat aus dem Munde des Künstlers lautet "Ich bin gerne fröhlich und traurig". Dahinter steckt Anatols Auffassung, es sei wider die Natur, sich nur in Richtung des Angenehmen und Problemlosen manipulieren zu lassen. Unterhaltung füllt die Menschen nur an, nicht aus. Vielmehr muss man dem Betrachter auch Empfänglichkeit für Schmerz und Verarbeitungsmöglichkeiten für das Leid belassen bzw. geben, auch mit Bildern religiösen Inhalts. Anatol selbst bezeichnet sich nicht als religiös oder fromm, sondern mit dem Brustton der Überzeugung als Christen. Die Bibel ist ihm so wichtig wie der Amboss.

"Mir fällt Bildermachen leicht, weil ich ganz unbekümmert bin", ein weiterer Kernsatz des beredten Künstlers. Bei seiner künstlerischen Arbeit dominiert intuitives vor konzeptionellem oder konstruierendem Vorgehen, etwa durch Vorzeichnungen oder Modelle. Es kommt einem so vor, als schaffe Anatol aus dem Bauch, betrachtet nachher das Entstandene und tastet seine breit angelegte Belesenheit nach Parallelen und Bezügen ab. Gerade in den letzten Tagen spielte sich ein solcher Prozess ab. In der Westerländer Friedrichstraße beobachtete Anatol ein Pärchen, er in Uniform, seine Freundin umarmend, die Freundin weinte. Stand eine Trennung bevor, wird der Soldat in eines unserer gegenwärtigen Kriegsgebiete entsandt? Wie oft mag sich eine Szene wie diese schon in vergangenen Jahrhunderten- und Jahrtausenden abgespielt haben? Ein zweiteiliges Kunstwerk entstand, zwei hochrechteckige Rahmen, im einen ein Untergrund aus Filz, darauf die dem Soldaten entlehnte Figur, im anderen eine Collage aus kamouflierten Stoffvierecken, darauf appliziert die der Frau entlehnte Figur. Dann erst widmet sich der Künstler der Lektüre. So las er fast die gesamte vergangene Nacht hindurch in Harald Voigts Standardwerk "Sylt unter dem Hakenkreuz".
In jedem Falle geht "Bauch" vor "Kopf", darum hat der Künstler auch sofort einen "guten Draht" zu Kindern, mit denen er gerne arbeitet.

Auch der Erwachsene nimmt das jeweilige zu betrachtende Kunstwerk erst mit dem Bauch auf, reagiert mit Betroffenheit, Beklemmung, Freude, Wiedererkennen, Sich – verstanden - Fühlen, und dann erst wird der Verstand zur Entschlüsselung aktiviert. Auch das ist kein Zufall, denn Anatol benutzt einen allgemein vertrauten Motivvorrat aus Kreuzen, Kreuzblumen, Schmetterlingen, Fischen, menschlichen Gestalten, Kreisen und Kugeln. Einige dieser sehr eingängigen Formen wie Kreuz und Kreis gehören zu der Kategorie der archetypischen Bilder.

Ganze Installationen sind in Kreisform angelegt, etwa das "Parlament" als ein Rund aus mehreren Stühlen. Eine frühere Arbeit unter dem Titel "Parlament" zeigt Gesichter, die in einen runden Sockel eingelassen sind, mit den Gesichtern zueinander, aber doch so, dass sie sich kaum gegenseitig werden sehen können. Die schon einmal benannten "Wächter der Goitzsche" bilden den Kreis durch die Anordnung figürlicher Einzelformen, immer aber sind die zum Kreis angeordneten Bestandteile gleichartig.

Arbeiten wie diese wirken sowohl durch ihre plastischen als auch ihre räumlichen Qualitäten. Beides ist dem Künstler wichtig, das weist auch eine Zeichnung aus, die hier (in Flur) zu sehen ist und die eine Äußerung des Künstlers illustrieren kann: Wenn man mit einer Schale in die Erde gräbt, entsteht ein konvexe, negative Form. Stülpt man den Inhalt dieser Schale auf eine Fläche, erhält man einen kleinen Erdberg als konvexe positive Form.

Anatols Kunstwerke wirken nicht plakativ und auf den ersten Blick leicht zu deuten. Sie bieten dem Betrachter viele und vielschichtige Hinweise auf eine sehr komplexe Gedankenwelt. Auch die Arbeit mit dem Titel "NEU GIER", die wir von hier aus im Garten aufgestellt sehen können, verhält sich so. Neugier kennt im Prinzip jeder. Jeder meint, er wisse wohl alles darüber. Aber warum setzt Anatol die Worte NEU und GIER auseinander, gerade so weit, dass noch ein Buchstabe dazwischen passt, oder sich ein Mensch in die entstandene Lücke stellen kann? Die Arbeit stellt den Begriff in Frage, zerlegt ihn in seine Bestandteile, fragt nach deren Bedeutung und danach, was NEU und GIER miteinander zu tun haben, ob NEU GIER etwas Gutes oder Schlechtes sei. Jeder einzelne Mensch mag und soll andere Fragen an die NEU Gier haben.

Die vom Künstler bevorzugten Materialien sind Eisen und Blei Holz, Stein, Silber, Gold, Kupfer und Farbe. Steine bzw. Findlinge bearbeitet der Künstler mit Ritzungen, die an bildnerische Zeugnisse der Steinzeit erinnern.
Ob Metall, Holz oder Stein, Anatols Plastiken strahlen in jedem Falle Ruhe aus. Durch einen statischen Aufbau, die Einfachheit archaischer Formen und die überrealen Größen erzielt der Künstler diese Wirkung.

Anatol Herzfeld wurde 1931 in Ostpreußen geboren. Eine angenehme Kindheitserinnerung ist die des in einem hohlen Baum sitzenden und der Natur lauschenden Knaben (welches Kind tut das heute noch?). Naturanschauung ist heute noch eine künstlerische Triebfeder für Anatol. Nach dem Krieg erlebte er sowjetische Zwangsarbeit. Aus dieser Zeit stammen der stets gegenwärtige Wunsch nach Frieden, Freiheit, Gleichheit, Toleranz und das Bestreben, Rechtlosigkeit zu vermeiden. Daraus folgt: "Für mich ist jede Arbeit politisch".

Kunst betrachtet Anatol als Regulativ der Gesellschaft. Der Künstler trägt eine gesellschaftliche Verantwortung. Er muss sich mit seinem Mitteln objektiv und unabhängig für Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit einsetzen, darf nicht an der Oberfläche verweilen und zum Kern durchdringen.
Ein besonders sinnfälliges Beispiel für diese Ambition ist die "Sonnenkanone". Bietet der Titel als solcher schon einen Widerspruch: der Künstler selbst setzt noch einen hinzu, indem er sie als ein "Mordsobjekt" bezeichnet. Der Begriff der Kanone wird ab absurdum geführt. Die Kanone widerspricht allein schon durch ihr Äußeres der Funktion einer üblichen Kanone. Mit überproportional großen Rädern und einem viel zu kurzen Lauf garantiert sie Schwerfälligkeit und den Verzicht auf jeglichen Treffer. Das ungehinderte Rosten liegt in Wesen dieser Kanone. Mit ihr ist dennoch geschossen worden: Blumensamen gelangten so in einen Park, der später recht farbenfroh geblüht hat.


Dr. Maria – Gesine Thies
Mai 2007