Heather Sheehan

Die zentrale Kategorie im Werk der Bildhauerin Heather Sheehan in formaler wie in thematischer Hinsicht ist der menschliche Körper. Im Verlauf ihrer künstlerischen Entwicklung werden zahlreiche Körperbilder geschaffen, die in ihrer technisch handwerklichen Ausarbeitung unterschiedliche Werkphasen markieren. Es sind Metamorphosen der Welt und des Lebens in ihr, für die der Körper formaler Stellvertreter ist. Gattungsgrenzen werden dabei immer wieder verschoben oder aufgelöst, eindeutige biologische Zuordnungen häufig nicht mehr möglich. Durch Evolution und Biologie bekannte Typisierungen und Klassifizierungen verschmelzen bei Heather Sheehan zu neuartigen Wesen, denen sie Autonomie und Akzeptanz verleiht.

In den Arbeiten der früheren Jahre sind es torsohafte Körperfragmente, die Heather Sheehan zueinander in Beziehung setzt. In der Ausstellung "Made for Arolsen" (1997) ist es die skulpturale Auseinandersetzung mit den sozio-biologischen Begriffen "mother" "father" "child", den Koordinaten der menschlichen Gesellschaft und ihrer Kultur. Die Mutter als überdimensionierter weicher Bauch verweist auf die Selbstbezogenheit eines Kindes, für das ausschließlich die eigene Perspektive Gültigkeit hat. Für den Vater steht ein weiches, sackähnliches Gebilde, das an Kopf oder Körper erinnert. Ein von der Decke herabhängendes Seil hält ihn. Aus seinem Innern tropft eine milchige Masse in einen Eimer. Das Kind, eine kleine, mit weißer Masse gefüllte Kiste, die Assoziationen an die nachgeburtliche Käseschmiere wachruft, ist noch ohne jede formale Struktur oder Halt. In der ursprünglichen Installation steht die Skulptur in einer mit roter Textiltapete ausgeschlagenen Nische. Auf einem kleinen Schild ist ein "Bitte niederknien" zu lesen. Der Wunsch nach Respekt, den Heather Sheehan für alle Lebewesen und auch für den schöpferischen Akt einfordert, kommt in dieser devoten Haltung zum Ausdruck. Der "parasite", ein in Filz gearbeiteter, intensiv roter, offener Körper, ist Bestandteil der Installation und vollendet die Arbeit. Aus seinem Innern quillt eine schleimige Masse. Ein Schmarotzer, der einem anderen Organismus Nahrung entnimmt und auf diese Weise schädigt oder gar tötet, aber nur auf diese Weise selbst lebensfähig ist. Heather Sheehan legt ihn auf ein Türpodest, so dass der Betrachter ihn erst über die herunterhängende Nabelschnur wahrnimmt. Er ist in der Installation als verdeckter Kommentar ein Verbindungsglied der einzelnen Skulpturen untereinander. Erst durch seine Anwesenheit drängen sich Fragen nach den Beziehungen der einzelnen Werke untereinander auf, lässt sich ein kommunikatives Netz spannen. Körpersekrete, Blut und Sperma stehen dabei für ein stetes Fließen, Ausdruck für den Kreislauf des Lebens.

In einer späteren (1999) Werkgruppe mit dem "single opening video" als deren Endpunkt entwickeln sich die Körperfragmente zu amorphen, embryoähnlichen Gestalten, deren Existenz an den schützenden Brutkasten gekoppelt ist. In vielfachen Variationen begegnet der Betrachter Wesen, die an Föten, Organe oder einfach nur Zellklumpen erinnern. Die Installationen sind wissenschaftlichen Labors und Krankenstationen mit ihren medizinischen Apparaturen und chirurgischen Instrumenten nachgebaut. Im Video schlüpft Heather Sheehan in die Rolle des omnipotenten Professors, der die Welt erklärt, indem er ihre Erscheinungen inventarisiert und kategorisiert. Diese Werkgruppe ist immer wieder für die Diskussion um biotechnologische Entwicklungen und die damit in Verbindung stehenden moralischen und politischen Implikationen genutzt worden. Die Arbeit geht jedoch viel weiter, denn hier nähert sich Heather Sheehan ihrem eigentlichen Thema, dem der Essenz des Lebens und der Seinsbestimmung des Ich.

"Grace", die nachfolgende Werkgruppe (2002) trägt den Namen einer antiken Göttin, Grazie. Als Begriff steht der Name in einer religiös-kulturellen Tradition: es ist die Göttin der Anmut, einem Ideal vollkommener Schönheit, das Körper und Geist im Einklang sieht.
Die von H.S. in dieser Werkphase gestalteten Wesen sind autark geworden und nähern sich einer harmonischen Körperlichkeit. Mit festen Werkstoffen modelliert, haben sie das Wasser verlassen und den vorgeburtlichen Zustand überwunden. Delfinartig in ihrer Form, bilden sie das Bindeglied zwischen Fisch und Säugetier, Wasser und Land. Heather Sheehan schafft Skulpturen, die im Zeitraffer wesentliche Phasen der menschlichen Evolution durchlaufen. Mit "Grace" sind ihre Skulpturen schließlich im Leben angekommen.

Das Video "each and every" von 2003 ist Verdichtung und erster Schlusspunkt des Werkes der Künstlerin. In enger Zusammenarbeit mit dem Komponisten Johannes Heinen entstand ein Video, das Klang- und Bildwelt kongenial miteinander in Beziehung setzt.
Am Anfang des knapp 4-minütigen Videos steht die vollkommene Dunkelheit. Im lichtlosen Universum schwebt dann etwas auf den Betrachter zu, gewinnt an Form, ohne je körperliche Eindeutigkeit zu erreichen. Es bleibt einem amorphen Zustand verhaftet, schwebend, rotierend, dann in Nebel gehüllt. Veränderungen an der Oberfläche werden sichtbar, die an ein Fokussieren auf Haut erinnern, Grobporigkeit bis hin zur vollständigen Abstraktion, ein schwereloser Seinszustand, der fundamentale philosophische Fragen nach Sein und Zeit aufwirft.
Das Video ist die Visualisierung der Prozesshaftigkeit der künstlerischen Arbeit von Heather Sheehan und gleichzeitig eine Anleitung, die hilft, die künstlerische Arbeit besser zu verstehen: Schichten werden durchdrungen, in einem ganz materiellen Sinn wird Mehrschichtigkeit durchfahren. Aufforderung und Metapher, sich nicht an der Oberfläche aufzuhalten, sondern den Weg weiter und immer weiter fortzuführen und den fundamentalen Fragen des Seins nachzuforschen. Die Möglichkeit des Umschlagens, des Kippens, der Peripetie des klassischen Dramas vergleichbar, ist hierbei allem inhärent: was zunächst harmlos und anrührend daherkommt, kann sich zu einer Bedrohung, die Beklemmung, Abgestoßensein und auch Angst umfasst, entwickeln und schließlich in Erleichterung und Auflösung enden. Als Endlosschleife denkbar, steht das Video für den Prozess des Lebens, Denkens und Fühlens und wird in seiner Kürze und Klarheit zu einem philosophisch-künstlerischen Manifest.

"Nike", so der Titel den nächsten Werkgruppe von 2003 und erneut der Name einer bekannten populären antiken Göttin, umfasst transsexuelle Wesen, die vollkommen autark und zufrieden ihre bloße auch sexuelle Existenz genießen. In immer veränderten Körperformationen erfinden sich die Wesen fortgesetzt neu und erzählen jedem, der sich auf sie einlässt, eine Geschichte. In ihrer Körperlichkeit, die durch Herstellung und Material auf Plüschtiere verweist, überschreiten sie die symbolische Grenze zwischen Mensch und Tier und lösen Gattungsgrenzen auf. Formal sind es von Heather Sheehan genähte Köpfe und Körperteile, die dem Baukastenprinzip folgen und immer wieder anders zusammengesetzt werden können. Körper zu Körper, Körper zu Kopf, Kopf zu Kopf, Körper - Körper zu Kopf usw. Es ist eine Variation auf den platonischen Androgyn, Ying und Yang, auf das Ideal der Komplementarität von Mann und Frau.

In den "beings", die seit 2004 in loser Folge entstehen, begegnet der Betrachter sehr kleinen Wesen, die Gattungsmerkmale von neugeborenen Säugetieren aufweisen, pelziger Rumpf, Schwanz, Augen und Nase, extrem kleine Arme und Beine.
Die "visitors" hingegen, die Heather Sheehan ebenfalls seit 2004 produziert, sind der Formensprache klassischer Büsten entlehnt, bis hin zu ihrer alabasterähnlichen, transparent-weißen Materialität. Die intensive Präsenz der kleinen Skulpturen, die 10 cm kaum überragen, verdankt sich anderen Kriterien als denen der körperlichen Unversehrtheit. Durch die textilen Vorlieben der Künstlerin erinnern die Büsten an Verwundete. Ihr Verband wird zur zweiten Haut, unter der sich Unsichtbares verbirgt. Es ist wiederum die Mehrschichtigkeit, die Heather Sheehans Arbeiten auszeichnet und die jeder Form monokausalen Denkens entgegenwirkt.
Durch die Form der Büste schafft Heather Sheehan Gegenüber mit menschlichem Antlitz, die die vegetative Existenz vollständig hinter sich gelassen haben und einen Individuationsprozess einleiten. Sie haben einen "Blick", und diesen Blick richten sie auf ihr Gegenüber. Manchmal ist es noch ein ohnmächtiger Blick mit halb geschlossenen Augen, doch die "visitors" zeigen sich stolz und zufrieden. Die Symbiose früherer Arbeiten ist aufgebrochen und überwunden, die Skulpturen gewinnen an Eigenständigkeit und Souveränität und nehmen selbstbewusst den Dialog mit dem Betrachter auf.

In den langwierigen Phasen der Ausgestaltung ihrer Skulpturen entwickelt Heather Sheehan eine sehr persönliche Beziehung zu ihren Werken, die einem Beseelungsprozess gleichkommt, der unmittelbar auf den Betrachter zurückwirkt. Lässt sich der Betrachter auf die Arbeiten von Heather Sheehan ein, wird Andersartigkeit erlebbar, was immer auch das Überdenken des eigenen Standpunktes, der eigenen Haltung, mit sich bringt.


Ursula Trübenbach, Köln 2006


weitere Texte:

- "Nike / Visitors"