Erleuchtungen - im Innenraum des Lichts
Atmosphärisches zum Werk von Regine Schumann
von Jan Hoet

(Bilder | Video)

"Licht ist ein Raumbildner" schreibt Hartmut Böhme 1994 in seiner Vorlesung über "Das Licht als Medium der Kunst" - erst "im Licht beginnt der Raum zu tagen". Doch wie, so könnte man fragen, erleuchtet das Licht die Dinge und den Raum der Kunst? Das Lichtwerden, das in früheren Zeiten und religiösen Kontexten mit dem Begriff der Ephianie verbunden war, ist ein Ereignis, das den Betrachter mit allen Sinnen ergreift. In den Licht aussendenden Objekten von Regine Schumann können wir ein intuitives Gespür dafür entwickeln, was es heißt, die Aura von Objekten im Lichte ihrer Wahrnehmung zu erfahren - die flureszierende, technisch wie ästhetisch angeregte Natur des Lichts ist bei Regine Schumann ein Medium, das eine bestimmte appearance formt und formuliert. Wie kann man angemessen über Licht-Wahrnehmungen sprechen? Licht ist ein Botenstoff der besonderen Art, ein Medium einer fernen Nähe. Es handelt von seiner Selbstbetrachtung. Licht leuchtet (scheinbar) wie von selbst - und erleuchtet damit auch uns, seine anteilnehmenden Betrachter... .

Regine Schumanns Arbeiten leben in transparenten, farbatmosphärisch aufgeladenen Zonen zwischen abstrahlendem Licht und einsaugender Dunkelheit. Sie arbeitet zwischen sichtbarem Licht und innerer Erleuchtung, zwischen sinnlicher Entmaterialisierung des Raums und wie magisch wirkenden, aufgeladenen Farb-Künstlichkeiten. Angeregt durch das dem Auge unsichtbaren Schwarzlicht entsenden die Oberflächen ihrer Arbeiten intensiv strahlende Farbwirklichkeiten, die eine paradoxe, gleichsam chromatische Aura erzeugen. Die Farblichter erzeugen dabei ambivalente Zwischenzustände, die auch bildhauerische Qualitäten reflektieren. Während die einzelnen Flächen, Formen und Körper eine Konstanz zu bewahren scheinen, vermitteln ihre farbig-strahlende Oberflächen einen Charakter des lebendig Fluktuierenden, einer Art körperlich spürbare Resonanzerfahrung, in der strahlende Intensitäten wie ein farbige Echos im Raum die Sinne verwirren.

In den "Nachtschwärmern" (2003) beeinflusst die intensive strahlende Wirkung der Kreisformen zugleich unterschwellig die Wahrnehmung des Raumes, der sich nach hinten zu wölben scheint. Dass die hier verwendeten Lumiluxpigmente zuerst in der Sicherheits- und Militärtechnik entwickelt wurden und nun in ästhetische Kontexten überführt worden ist, sei hier nur am Rande bemerkt.

Die von Regine Schumann gehäkelten vielfarbigen Plasticlightschnüre, die selbst bereits aus farbigem Kunststoff bestehen, transformieren das farbliche Fluktuieren in eine simultane Raumanschauung und Farbempfindung, die auch die Beziehungen zwischen Konstruktion und Zufälligkeit evident werden lassen. Es wird fast sinnlich spürbar, wie die Farb-Flächen aus sich selbst zu erleuchten scheinen - der Raum wird zu einem atmosphärischen Lichtinnenraum, in dem die Wahrnehmung in Form einer Materialisation von Licht und Farbintensitäten erfahrbar wird. Zwischen der Sinnlichkeit der Farben und der Materialität des Lichts entsteht eine gleichsam aufgeladene Atmosphäre - ein Farbinnenraum, in dem das Licht und die Dinge mit eigener Intentionalität zu strahlen beginnt und die scheinbar selbstleuchtenden Oberflächen zugleich an der Entmaterialisierung des (Ausstellungs-)Raumes arbeiten.

Die Flächen, Schnüre, Glasflächen und ummantelten dreidimensionalen Gegenstände zeigen, wie Regine Schumann im Spektrum aus der Zeichnung, der Malerei und der Bildhauerei konzipiert - und zugleich die unterschiedlichen Arten von Erleuchtungen als verbindendes Mittel von Transformationen zwischen Farbe und Raum nutzt. Die in Colorbox eingeschlossenen PVC-Bänder entfalten hierbei eine eigentümliche Spannung, die mit einer ornamental-biomorphen Musterbildung spielt wobei zwischen Geometrie und Willkür ein äußerst schmaler Grat besteht. Die Ummantelungen aus Bikinistoff (Freischwimmer; Purpur) verbergen ihr farbiges Geheimnis wie unter einer erotischen, eng anliegenden Haut. Farbe erscheint wie ein Medium eigener Art, wie ein organischer Körper, der sich seine eigene, autonome Atmosphäre schafft.

Atmosphären sind im Werk von Regine Schumann kein dekorativer Effekt, sondern eigene lichtreflektorische Realität, die aus dem Ineinander und der Gleichzeitigkeit von sichtbarem und unsichtbarem Licht entstehen. Regine Schumanns Erleuchtungen entstehen nicht aus dem Nichts, sondern in lichten Momenten. In diesen wird unsere Sensibilität für den Glanz der Dinge und ihrer Wahrnehmung geweckt, vielleicht auch erst wieder an deren Existenzen erinnert ... .


Text aus Katalogbuch "Candela", 2006
Herausg. Thill Verlag, Köln ISBN 978-3-00-018517