"Große Gesten"

(Bilder)
Ulrich Wüst ist mit seinem lakonisch, präzisen, nüchternen Blick bekannt geworden. Seine Aufnahmen halten – unbeirrt von den Zeitmoden der Fotografie – an der Bildsprache eines Albert Renger-Patzsch fest. Sie teilen noch immer den künstlerischen Glauben an die Magie der Gegenstände, wie wir ihnen von Walker Evans kennen. Beschönigungen sind diesem Bildstil fremd. Sie überlassen sich ganz und gar ihren Gegenstand und werden – dies ist vielleicht das Seltsamste – auf ganz natürlicher Weise gerade durch den Verzicht auf jede Handschrift persönlich erkennbar. Die Bilder kommen mit der vermeintlichen Sachlichkeit klassischer Dokumentarfotografie daher und dokumentieren doch nur die Permanenz des Irrtums. Bei keiner Aufnahme kann man sich sicher sein, dass sie wirklich das zeigt, was zu zeigen sie vorgibt. Wir werden mit den großen Als-ob der Fotografie konfrontiert, mit der Täuschungskraft. Aber diese Tauschung ist auch ihr Potential. In der Welt, die die Lüge nicht kennt, wird auch keiner die Wahrheit finden können. Diese vertrackten Dokumentaraufnahmen sind durchaus doppeldeutig. Sie zeigen, was sie zeigen und gehen zugleich über das, was zu sehen ist, hinaus. Durch den äußeren Schein hindurch ahnt man ein schwer entzifferbares inneres Bild. Hier liegt bei aller Sachlichkeit eine romantische Dimension versteckt. In Wirklichkeit sehen wir Sehnsuchtsbilder. Wenn sie etwas dokumentieren, dann ist es in Wirklichkeit von Illusionen und zugleich das Illusionäre aller Illusionen.


Jan Thom-Prikker
in: Ulrich Wüst "Kopfreisen und Irrfahrten", Verlag der Buchhandlung König, Köln 2004